Archiv für den Monat August 2015

Nach Hause kommen


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Lange war es hier sehr still.. Ich habe nicht viel geschrieben, da ich mit den Prüfungen für den Fachwirt beschäftigt war, habe gearbeitet.. Und mir wird nach und nach bewusst, wie fertig ich von all dem Stress der letzten zwei Jahre bin.Ich habe täglich 8 Stunden gearbeitet, danach in die Abendschule 3 mal die Woche bis 21:15 Uhr/19:45 Uhr, dann auf die Intensivstation, am Wochenende Ausarbeitungen geschrieben- teilweise im Krankenhaus.. Wie ging das??? Keine Ahnung. Ich war wahrscheinlich wie der Duracell-Hase… einfach weitergemacht, während alle anderen aufgegeben hätten, weil die Batterien leer waren.. Die Anstrengungen der letzten 2 Jahre immer wieder niederzuschreiben machen sie für mich erst begreiflich.. Und es zeigt mir, wie stark ich wirklich bin. Sie geben Kraft, weiterzumachen. Ich bin noch lange nicht am Ende, ich brauch nur ab und an mal eine kleine Verschaufpause. Bis jetzt habe ich noch keine neue Beschäftigung nach der Arbeit gefunden. Ich hatte etwas gefunden: Besuchsdienst mit Hund bei alten und behinderten Menschen. Leider ist mein Wackeldackeltröstehund dafür schon zu alt. Ich hatte mir eine Hündin aus dem Tierschutz ausgeguckt. Aber die wurde vermittelt, obwohl ich sie bekommen sollte. Eine andere Hündin wurde ebenfalls anders vermittelt.. Nun ja, den Traum habe ich aufgegeben, für meinen alten Hund noch eine Lady zu finden und Menschen mit einem Hund Freude zu bereiten. Aber so ohne Ziel lebt es sich im Moment ziemlich bescheiden. Ich arbeite, gehe mit dem Wackeldackel durch die Wälder, lege mich auf die Couch und starte das Ganze nach  6 Std. von vorn..

Seit meine Motte nicht mehr da ist fühle ich mich sehr oft einfach nur übrig. Wie ein einzelner Schuh, von dem man den anderen verloren hat. Es macht nicht viel Sinn, den Schuh aufzuheben. Denn es gibt Dinge, die werden einfach nur als Paar verkauft.. Schuhe, Socken, Handschuhe.. Selbst wenn ich das gleiche Paar Schuhe erneut kaufen würde, so hätte ich drei- und das wäre einer zu viel. Und wie gesagt, im Moment fühle ich mich gerade etwas übrig. Ohne Aufgabe ist es schwer, motiviert zu sein. Vorher war ich immer in irgendeinem Krankenhaus. Mannheim, Wiesbaden, Mainz. Es war irgendwann so eine Art Zuhause. Seit die Motte nicht mehr da ist, war ich nicht mehr im Klinikum Mannheim, in dem wir bestimmt 5 1/2 Jahre verbracht haben. Bis eine Freundin mich dort brauchte.Ich freute mich, an diesen Ort zurückzukehren. Ich hatte Angst, an diesen Ort zurückzukehren.  Ich fuhr wie damals durch die Krankenzufahrt, der Pförtner, der uns seit 5 1/2 Jahren kannte, winkte fröhlich. Er hatte mich scheinbar noch nicht vergessen. Ich parkte und betrat das Gebäude. Der vertraute Geruch stieg mir in die Nase. Es war, wie wenn man nach Hause kommt. Alles so vertraut, angenehm.

Trotz der schlimmen Zeiten, die wir dort erleben mussten, war dies immer ein Ort der Zuflucht, des Verständnisses für uns. Ein Ort, an dem wir ein Stück weit loslassen konnten, weil alle dort die Motte kannten. Sie wussten, wie sie ist, was sie mag und was nicht, wann es ihr schlecht ging und wann gut. Sie haben sie „lesen gelernt“. Es tat unendlich gut. Wir waren nicht mehr die Einzigen, die sie kannten und das erste Mal waren wir für ein paar Stunden entbehrlich. Und wir nutzen dies.

Die Station auf der beide lagen war eine Station unter „unserer“ Station.Also würde ich wohl sehr wahrscheinlich keinem bekanntem Gesicht begegnen. War das gut oder schlecht? Keine Ahnung. Ich betrat das Zimmer, in dem der Sohn meiner Freundin lag und musste lächeln. Alles machbar. Eine aufgelöste Mama, ein vom Schrecken gezeichnetes Kind- aber nichts, was wir nicht hinkriegen könnten mit ein paar Gummibärchen und einem offenen Ohr:) Und ich konnte vielleicht etwas Trost spenden. So hoffe ich es zumindest. Als ich während der Visite auf den Gang trat, um den beiden die Privatsphäre währenddessen zu gönnen, schaute mich eine junge Schwesternschülerin für mich „merkwürdig“ an. Zwei Sekunden später sagte sie: „Ich kenn Sie irgendwoher…Sie sind die Mama von der Motte, gell?“ Ich brauchte ne Minute, um das zu verarbeiten. Da fügte sie schon hinzu: „Ja, die Julia war ja Inventar bei uns. Ich hab an ihr meine Prüfung abgelegt. Und dass sie im Mai gestorben ist, hat mich unendlich traurig gemacht. JEDER hier kannte und liebte sie.“ Sie hatte den Satz noch nicht beendet als ich merkte, wie mir das Blut in den Kopf stieg, die Augen sich mit Tränen füllten und ich anfing zu schlucken. Welche Mutter wünscht sich nicht, dass jemand so über sein Kind spricht?! Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich sah sie an, nahm sie in den Arm und dankte ihr. Dann wünschte ich ihr noch viel Erfolg für die Endprüfung und ging völlig perplex ins Zimmer zurück. Meine Gedanken überschlugen sich. Ich spielte mit dem Gedanken, noch kurz auf „Mottis Station“ vorbeizuschauen, bevor ich ging, verwarf dies aber. Es gibt noch so viel Zeit dafür. Ein Zuhause wird immer ein Zuhause bleiben- egal wie lang man nicht mehr dort war.