Archiv für den Monat Oktober 2015

Die Abrechnung, die ich machen muss, um nicht daran zu ersticken


Seit Motti nun nicht mehr bei uns ist, habe ich versucht, all die hirnlosen und dummen Kommentare, die „Nicht-Taten“ angeblicher Freunde und so viel mehr zu ignorieren, aber ich merkte schnell, dass all das immer wieder hoch kam. Die Wut wurde immer größer. Ich habe versucht, drüber zu stehen, Verständnis auf zu bringen für die „Anderen“, habe mir eingeredet, dass sie nur unsicher sind im Umgang mit mir und meiner Trauer. Aber mal ganz ehrlich? Es ist nicht so, dass diese Menschen aus Unsicherheit etwas Falsches getan haben, nein, sie haben NICHTS getan. Ich habe lange überlegt, ob ich all das wirklich so direkt benennen soll. Und ja, ich finde es wichtig. Verlieren kann ich nichts mehr. Ich habe gelernt, wer wirklich hinter mir steht! Vielleicht mag dieser Satz abgedroschen klingen, aber es ist wirklich so. Ein Schicksal wie das hier, lässt einen die Bezeichnung „Freunde“ komplett überdenken. Nein, verbittert bin ich nicht, sondern eher aufgewacht. Und die Wahrheit ist meist kein angenehmer Zeitgenosse.

Ich erwähne bewusst keine Namen, denn ich möchte hier niemanden bloßstellen, obwohl meiner Wut dies gut tun würde. Aber ich hoffe, dass die betreffenden Personen sich hier erkennen und vielleicht anfangen, sich und ihr Verhalten zu reflektieren.

Als meine Motte starb, stand urplötzlich eine meiner „damals unter anderem beste Freundin“ betitelte Frau vor meiner Tür, nachdem wir über 2 Jahre keinen Kontakt hatten.Und der Satz, der in den ersten 10 Minuten von ihr kam, war: „Ich weiss, wie Du Dich fühlst, wir haben unseren Hund auch gerade einschläfern müssen!“ Die Dreistigkeit und Unverschämtheit dieses Satzes zu definieren erübrigt sich hier für mich. Am liebsten hätte ich dieser Person eine Ohrfeige gegeben, denn genauso fühlte es sich für mich an: wie eine Ohrfeige. Ich versuchte, diese Bemerkung irgendwie zu verdauen, aber auch jetzt noch, 1,5 Jahre später habe ich das Gefühl, daran zu ersticken. Wenn ich daran denke, schnürt es mir die Kehle zu. Wie kann es jmd. wagen, einen Vergleich zwischen dem Tod meiner Tochter und dem Tod eines Hundes zu ziehen?!!!

Andere Freundinnen, die ich ebenfalls zum Stamm meiner besten Freundinnen gezählt hatte, meldeten sich in den ersten 2 Wochen nach Mottis Tod, sind mit mir ab und zu mal weggegangen. Eine der Personen sagte zu mir: „Wenn mir das passiert wär, ich glaub ich hätt mich umgebracht. Du hast ja jetzt gar nichts mehr und bist ganz allein!“ Zumindest mit dem letzten Satz hatte sie meine momentane Gefühlslage beschrieben. Es kostete viel Kraft, sich bewusst zu werden, dass dem nicht so ist. Von den angeblichen Freundinnen bröckelte nach und nach jede weg. Und nach der Beerdigung habe ich nichts mehr von irgendeiner Freundin gehört. Alle waren/sind mit ihrem eigenen Leben beschäftigt, posten fleißig Bilder von ihren Erlebnissen/Kindern. Es ist nicht so, dass ich es ihnen nicht gönne. Nein, im Gegenteil. Ich freue mich, dass anderen so ein Schicksalsschlag wie unserer erspart bleibt. Es ist eher die Enttäuschung über die Menschen, die sich jetzt so verhalten, wie oben beschrieben. Man kommt sich als verwaister Elternteil vor, wie eine Aussätzige. Keiner integriert einen, keiner meldet sich mehr. Es gab 5 Menschen, die vor Mottis Tod die Bezeichnung „engster Freundeskreis“ trugen. Nun hat sich das geändert. Die angeblichen Freunde sind nun von mir aussortiert worden. Ich habe mich auf die Menschen konzentriert, die mich als Mensch immer noch schätzen und die hinter mir stehen, egal, was passiert.

Und das war zwischen all den Negativerfahrungen der Grund, weiter zu machen. Ich habe ein paar wenige Menschen, die mich so nehmen, wie ich jetzt bin. Mit all der Traurigkeit und all meinen anderen Facetten. Familie hält eben doch immer zusammen. Und auch echte Freunde habe ich noch. Unter anderem meine Einzige und Beste, die mich um jede Uhrzeit in jeder Verfassung nimmt, die mich teilhaben lässt an der Entwicklung ihres Kindes;) . Ebenfalls einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben, der unter den Begriff Familie fällt, ist Chris. Der beste Vater der Welt, der einzige Mensch, der mich in und auswendig kennt, mit dem ich auf eine Art verbunden bin, die niemals ein anderer Mensch erreichen wird, der Einzige, der den gleichen Schmerz spürt wie ich…. Geh niemals fort!

Aber auch nicht so präsente Personen im Umfeld geben Halt.. Von denen ich weiss, dass ich auch dort zu jeder Uhrzeit anrufen/schreiben kann.. Danke Andy, Frank, Daniela, Susanne, Irina, Stephan, Eva… Ich habe Angst, jemanden vergessen zu haben.. Denn dieser Blog wurde mit viel Emotionen geschrieben. Sollte ich tatsächlich jmd. vergessen haben, sorry:) Und siehe da, doch noch einige, die es mehr als verdient haben, in meinem Leben zu bleiben 🙂 Und auf die Menschen, die mich seit Mottis Tod so hängengelassen haben- Scheiße ich! Ich hoffe nur so sehr, dass ihr anfangt, euch selbst zu reflektieren, eure Oberflächlichkeit ablegt und anfangt zu sehen.

5 Menschen entlasse ich nun aus meinem Leben. Sorry, ihr seid unmöglich. Ich habe mich so sehr in euch getäuscht. Ich wünsche euch weiterhin ein „gutes Leben“, denn mit echten Problemen wärt ihr nicht fähig, zu überleben.

Und meiner Familie und meinen Freunden verspreche ich, mehr Zeit mit ihnen zu verbringen und immer hinter ihnen zu stehen, egal, was auch passiert. Manchmal muss man eben durch Täler gehen, damit es wieder bergauf geht:)

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Verwaister Elternteil mit Angst vor dem Vergessen


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Diesen Blogeintrag habe ich bereits Anfang September geschrieben, aber ich habe ihn als Entwurf gespeichert. Er war noch nicht so, wie ich ihn haben wollte.

Wenn dein Kind stirbt ist das wie eine Sprengung deines Lebens. Nichts ist mehr so wie es war. Es ist über ein Jahr her- aber es wird immer gestern gewesen sein. Immer. Versteht das bitte und erspart euch einen Kommentar, wenn ihr mit jemandem sprecht, der sein Kind verloren hat. Urteilt nicht über die vergangene Zeit, denn für uns verwaiste Eltern hat sie keine Bedeutung. Es ist gestern gewesen. Es wird immer gestern gewesen sein.

Du bist von einem Tag auf den anderen ein verwaister Elternteil. Dieses Wort kannte ich vorher in diesem Zusammenhang nicht. Ich kannte den Ausdruck bei Kindern, deren Elternteil/Eltern gestorben sind, als Halbwaisen oder Vollwaisen. Aber ich wusste nicht, dass es für Eltern, deren Kind gestorben ist, ebenfalls einen eigenen Begriff gibt. Zumal es ja auch „eher seltener der Fall ist, dass die Kinder vor den Eltern sterben“ . Zumindest gesellschaftlich gesehen. Wenn man sich jedoch in die Kreise der „verwaisten Eltern“ begibt, erschrickt man immer wieder über die Zahl verwaister Eltern.

Ich musste so viel Neues lernen. Und ich musste mich mit meiner neuen „Rolle“ (mir widerstrebt dieses Wort, aber ich finde kein passenderes) als verwaister Elternteil  auseinandersetzen. Auf einmal merkte ich, dass ich irgendwie nicht mehr so in mein altes Leben und in die Gesellschaft passe. Ich habe Dinge erlebt, die manch anderer nicht erlebt hat und hoffentlich auch nie erleben wird.. Daraus ergibt sich oft der Blick aus einer anderen Blickrichtung auf die Dinge, als andere ihn haben. Man verändert nicht nur den Blickwinkel, sondern alles verändert sich.. Ich glaube, es ist der schwierigste Teil, jemandem etwas zu erklären, was man oft selbst nicht richtig greifen/beschreiben kann….

Ich habe wirklich mit allem Erdenklichen versucht, mich abzulenken, mein Leben zu leben. Ich habe mehr gearbeitet, ich habe meine Freizeit mit allem Möglichem gefüllt, ich habe mir den Tag vollgeknallt mit tausend verschiedenen Dingen, ich hab mir Zeit genommen für die Trauer- immer wieder, habe mir Ruhe- und Entspannungsphasen gegönnt… Und doch verschwindet es nicht, dieses traurige Gefühl in mir. Es ist immer da. Wie ein Schatten. Ich kann nicht davonrennen, ich kann mich nicht davon auffressen lassen.. Irgendwie finde ich keine Lösung, wie man mit diesem Gefühl leben kann. Ja, klar, ich gehe arbeiten, ich mache etwas in meiner Freizeit.. aber glücklich sieht anders aus. Ist das so, dass man nicht mehr wirklich glücklich sein kann? Das eigene Kind fehlt so sehr..Sie fehlt so unendlich.. Und die Angst vor dem Vergessen beherrscht mich ständig. Alle meine selbst erstellten Filme, Photos, Videos von ihr sind weg- von einer Sekunde auf die andere. Weil die Festplatte so kaputt ist, dass sie sich nicht einmal mehr dreht. Datzenrettung unmöglich. Die Priorität und das Geld für eine Externe war leider nicht da. Ich war zu dämlich und zu naiv, alles vorher zu sichern. Ich dachte, dass mir so etwas nicht passiert. Nun liegt sie hier, die Festplatte. Verhöhnt mich in meiner Trauer. Aber meine Bilder sind im Kopf- und ich hoffe, ich werde meine sie nie vergessen- auch, wenn ich manchmal schon nicht mal mehr weiss, wie ihre Stimme klang.

Motti, ich liebe Dich! Warte auf mich!